Taiji 24er- und 108er-Form

In den Kampfkünsten versteht man unter einer Form die festgelegte Abfolge von Bewegungen, die den Kampftechniken des jeweiligen Stiles entsprechen.

1956 wurde die 24er Taiji-Soloform (Pekingform) in der Volksrepublik China erstmals der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Der Erfolg war überwältigend und in den kommenden Jahrzehnten begannen unzählige Menschen Taiji Quan in dieser Art zu üben, sodass die offiziellen Stellen heute von 150 Millionen Taiji-Praktizierenden in China sprechen.

Üben in der Gruppe
Leistungskurs des Universitäts-Sportinstitutes, Graz

Was war geschehen? Nun, man hatte den - in meinen Augen geglückten - Versuch unternommen, aus dem traditionellen Taiji Quan eine vereinfachte Disziplin zu machen. Derartige Vereinfachungen haben natürlich auch Nachteile. Einerseits wurden manche Bewegungen der traditionellen Soloform einfach weggelassen oder stark verändert, andererseits hat man Taiji zu einer Art Gesundheitsgymnastik degradiert.

Viele wichtige Aspekte einer Kampfkunst (Kampfkunst nicht Kampfsport!) wie z.B. die Anwendung der Techniken, Tuishou und Sanshou, das auf die Kampfkunst Taiji bezogene Qigong, die Atmung und nicht zuletzt der philosophisch-religiöse Unterbau fielen dem Rotstift zum Opfer. Die alten Meister waren und sind mit dieser Entwicklung nie einverstanden gewesen, sie wurden aber von den Ereignissen einfach überrollt. Viele haben sich deshalb aus der offiziellen Szene zurückgezogen.

Nach meiner Ansicht ist eine Synthese beider Standpunkte durchaus möglich! Anfänger sollen durchaus mit der 24er-Form beginnen und damit Erfahrungen sammeln. Fortgeschrittene können sich dann immer noch mit dem traditionellen Stil befassen. Nichts, was in der 24er-Form gelernt wurde, war unnötig, jede gemachte Erfahrung ist natürlich auch für den traditionellen Stil wichtig. Der traditionelle Yang-Stil, von dem ich hier spreche, hat weltweit die stärkste Verbreitung. Alle Bewegungen der 24er-Form wurden von ihm abgeleitet.

Die Art, wie heute Yang-Stil betrieben wird, geht auf Yang Chengfu (1883-1936), den Enkel des Systemgründers Yang Luchan zurück. Er prägte entscheidend die charakteristischen Merkmale wie natürliche und weite Positionen, langsame und gleichmäßige Bewegungen, sowie den steten Fluss des Bewegungsablaufes. Seine Soloform besteht aus 108 Schritten, in der allerdings zahlreiche Wiederholungen zu finden sind.

Um auch den traditionellen Stil attraktiver zu machen, wurde eine kürzere Version entwickelt, die auf die Wiederholungen fast gänzlich verzichtet und mit 42 Bewegungen das Auslangen findet. Diese Form ist ein gutes Bindeglied zwischen der Pekingform und der langen traditionellen Form. In der Zwischenzeit wird diese Form aber von mir nicht mehr unterrichtet.